Wie du mit deinem Kind liest

Die Silben in diesem Buch sind abwechselnd eingefärbt. Das ist ein bewährtes Prinzip aus der Logopädie, das für Erstleser extrem hilfreich ist, da es den Leseprozess in kleine Häppchen einteilt. Ein langes Wort als Ganzes lädt zum Raten ein. In Silben zerlegt hingegen kann es Silbe für Silbe erlesen werden.

Als Lesebegleitung für dein Kind kannst du viel entspannter sein, da diese Methode für dich und dein Kind arbeitet. Du kannst auch mit einem kleinen Stück Papier nur jeweils Silbe für Silbe freigeben, so dass dein Kind wirklich nur die aktuelle Silbe sieht. Das hilft zusätzlich.

Grundlage: Rhythmisches Syllabieren nach Carola Reuter-Liehr.

Die anderen Bücher

Wenn dein Kind dieses hier mag: Band 1 ist genauso gebaut, nur geht es um den Weltraum.

Dein Kind liest im Buch kurze Sätze. Hier steht, was dahintersteckt.

Woher jeder Fakt stammt. Wo die Forschung sich einig ist und wo nicht. Und an welchen Stellen ich etwas weggelassen habe, weil es sich in Erwachsenenbüchern hartnäckig hält, obwohl es nicht stimmt.

😲WOW! · Fakten zum Staunen

Acht Rekorde, bei denen Kinder zuerst nicht glauben, dass sie stimmen.

Seite 8 · Fakt 1

Der älteste Hai der Welt

Der Grönlandhai ist das langlebigste Wirbeltier, das wir kennen. Ein Weibchen von fünf Metern Länge, im Jahr 2016 untersucht, war rund 392 Jahre alt. Die Messung lässt eine Spanne von 272 bis 512 Jahren zu. „Über 400 Jahre" ist deshalb die ehrlichste Zahl, und so steht sie im Buch.

Wie misst man das Alter eines Hais? An den Zähnen geht es nicht, an den Wirbeln auch nicht, denn sein Skelett besteht aus Knorpel und trägt keine Jahresringe. Die Forscher nahmen die Augenlinse. Deren Eiweiße entstehen vor der Geburt und werden danach nie wieder erneuert. Wer sie datiert, datiert den Anfang des Tieres.

Er wächst etwa einen Zentimeter im Jahr. Erwachsen wird er mit ungefähr 150 Jahren. Ein Hai, der heute durch die Arktis zieht, kann zur Welt gekommen sein, als in Europa noch niemand von Elektrizität gehört hatte.

Zum Weiterreden: „Was dieser Hai wohl alles erlebt hat, während bei uns die Eisenbahn, das Auto und das Handy erfunden wurden?"

Quelle: Nielsen, J. et al. (2016): Eye lens radiocarbon reveals centuries of longevity in the Greenland shark. Science 353, S. 702–704.

Seite 9 · Fakt 2

Der Gepard fliegt fast

Der Gepard läuft im doppelten Schwebe-Galopp. Zweimal in jedem Sprungzyklus berührt keine einzige Pfote den Boden, einmal mit weit gestreckten Beinen, einmal mit eingezogenen. Über die halbe Laufzeit ist er in der Luft. Außer ihm beherrscht das nur der Windhund.

Möglich macht das seine Wirbelsäule. Sie krümmt und streckt sich bei jedem Satz wie eine Sprungfeder und verlängert den Schritt um bis zu 76 Zentimeter. Ein Satz misst vier bis sieben Meter, und davon schafft er rund vier pro Sekunde.

Weit verbreitet und trotzdem falsch: die 120 Stundenkilometer, die in vielen Tierbüchern stehen. 2013 wurden fünf wild lebende Geparden in Botswana mit Messhalsbändern über 367 Läufe verfolgt. Der höchste Wert lag bei 93 km/h. Den offiziellen Rekord hält eine Zoo-Gepardin namens Sarah mit 98 km/h über 100 Meter. Die 120 sind nirgends sauber gemessen.

Im Buch steht deshalb gar keine Zahl. Das Bild vom Fliegen trägt den Fakt ohnehin besser.

Quelle: Wilson, A. M. et al. (2013): Locomotion dynamics of hunting in wild cheetahs. Nature 498, S. 185–189.

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Seite 10 · Fakt 3

Der Vogel, der rückwärts fliegt

Kolibris sind die einzigen Vögel, die dauerhaft rückwärts fliegen können. Sie drehen den Flügel beim Aufschlag um, sodass er auch auf dem Weg nach oben Auftrieb erzeugt. Die Flügelspitzen zeichnen dabei eine liegende Acht in die Luft.

2005 wurde erstmals gemessen, wie sich der Auftrieb verteilt. Beim Abschlag entstehen 75 Prozent, beim Aufschlag 25. Insekten verteilen es gleichmäßig auf beide Richtungen, andere Vögel erzeugen beim Aufschlag so gut wie nichts. Der Kolibri liegt genau dazwischen, und das erklärt, warum er kann, was sonst kein Vogel kann.

Die achtzig Flügelschläge pro Sekunde aus dem Buch gelten für die kleinsten Arten. Größere Kolibris kommen auf etwa fünfzig. Das leise Summen, das man hört, ist genau dieser Flügelschlag.

Quelle: Warrick, D. R., Tobalske, B. W. & Powers, D. R. (2005): Aerodynamics of the hovering hummingbird. Nature 435, S. 1094–1097.

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Seite 11 · Fakt 4

Der Boxer im Meer

Die Schlagkeule des Pfauen-Fangschreckenkrebses beschleunigt auf etwa 23 Meter pro Sekunde, also gut 80 Stundenkilometer, und das unter Wasser. Der ganze Schlag dauert weniger als eine Tausendstelsekunde.

Dabei passiert etwas Merkwürdiges. Das Wasser kann der Keule nicht schnell genug folgen. Es reißt auf, bildet eine Dampfblase, und die fällt sofort wieder in sich zusammen. Dieser Zusammenfall trifft die Beute ein zweites Mal. Der Krebs schlägt also doppelt zu, obwohl er sich nur einmal bewegt hat.

Bewusst weggelassen: Beim Zusammenfall der Blase blitzt für Millionstelsekunden Licht auf, und in populären Berichten heißt es dann, es werde „heißer als auf der Sonne". Das gilt für ein Volumen, das kleiner ist als ein Staubkorn, und für eine Zeitspanne, die niemand sich vorstellen kann. Für ein Erstlesebuch ist das eine Zahl ohne Bild, deshalb steht sie nicht drin.

Quelle: Patek, S. N. & Caldwell, R. L. (2005): Extreme impact and cavitation forces of a biological hammer. Journal of Experimental Biology 208, S. 3655–3664.

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Seite 12 · Fakt 5

Das zäheste Tier der Welt

Im September 2007 flogen getrocknete Bärtierchen an Bord der ESA-Mission FOTON-M3 in eine Umlaufbahn, rund 260 bis 280 Kilometer über der Erde. Zehn Tage lang lagen sie offen im Vakuum. Das Experiment trug den Namen TARDIS.

Das Vakuum allein überstanden sie praktisch vollzählig. Zurück auf der Erde krochen sie los und legten Eier, aus denen gesunde Junge schlüpften. Ihr Trick heißt Kryptobiose: Sie trocknen sich selbst aus und halten ihren Stoffwechsel an, bis wieder Wasser da ist.

Genauer hingeschaut: Die eigentliche Gefahr war die Sonne. Bärtierchen, die zusätzlich das volle ultraviolette Licht abbekamen, überlebten nur vereinzelt. „Bärtierchen überleben im Weltall" gilt also uneingeschränkt für die Leere und die Kälte. Für ungefilterte Sonnenstrahlung gilt es nur eingeschränkt.

Quelle: Jönsson, K. I. et al. (2008): Tardigrades survive exposure to space in low Earth orbit. Current Biology 18, S. R729–R731.

QR-Code „SEM image of Milnesium tardigradum in active state - journal.pone.0045682.g001-2“ · Schokraie E, Warnken U, Hotz-Wagenblatt A, Grohme MA, Hengherr S, et al. (2012) · CC BY 2.5 · Wikimedia Commons

Seite 13 · Fakt 6

Die Qualle mit dem Reset-Knopf

Turritopsis dohrnii misst etwa viereinhalb Millimeter. Gerät sie in Not, durch Hunger, eine Verletzung oder zu warmes Wasser, sinkt sie zu Boden, zieht die Tentakel ein und wird zu einem Klümpchen. Daraus wächst ein Polyp, wie ihn sonst nur ganz junge Quallen bilden.

Das Verblüffende steckt in den Zellen. Sie wechseln den Beruf: Eine Muskelzelle wird zur Hautzelle, Gewebe ordnet sich zu Gewebe mit einer ganz anderen Aufgabe um. Fachleute nennen das Transdifferenzierung. Bei keinem anderen vielzelligen Tier ist bekannt, dass es nach der Geschlechtsreife noch einmal zurück in ein Jugendstadium geht.

Ergänzung: Zweimal wird die Geschichte fast überall verkürzt erzählt. Erstens wachsen aus dem Klümpchen mehrere neue Quallen heran, alle mit demselben Erbgut. Es kehrt also nicht dasselbe Tier zurück, sondern eine Kolonie seiner Kopien.

Zweitens ist „unsterblich" eine Möglichkeit, kein Zustand. Im Meer werden diese Quallen gefressen oder krank, lange bevor sie den Trick überhaupt brauchen.

Quelle: Piraino, S., Boero, F., Aeschbach, B. & Schmid, V. (1996): Reversing the life cycle. Medusae transforming into polyps and cell transdifferentiation. The Biological Bulletin 190, S. 302–312. Die Art wurde damals noch als Turritopsis nutricula geführt.

Seite 14 · Fakt 7

Das Tier, das nie trinkt

Die Känguru-Ratte frisst trockene Samen und rührt Wasser auch dann nicht an, wenn eine Schale danebensteht. Ihr Wasser entsteht in ihr selbst. Beim Verdauen verbrennt der Körper den Zucker aus den Samen, und bei dieser Reaktion entsteht Wasser. Rund neunzig Prozent ihres Körperwassers stammen daher, der kleine Rest aus der Restfeuchte der Körner.

Damit nichts davon verloren geht, spart ihr Körper an mehreren Stellen gleichzeitig. Die Nieren machen den Urin so konzentriert, dass er beinahe sirupartig ist. In der Nase kühlt die ausgeatmete Luft ab, die Feuchtigkeit schlägt sich nieder und bleibt im Tier. Und tagsüber sitzt es im Bau, wo die Luft feuchter ist als draußen.

Zum Weiterreden: „Auch dein Körper macht ein bisschen Wasser, wenn du ein Brot isst. Nur reicht es bei uns eben nicht, und wir brauchen das Glas dazu."

Quelle: Schmidt-Nielsen, B. & Schmidt-Nielsen, K. (1951): A complete account of the water metabolism in kangaroo rats and an experimental verification. Journal of Cellular and Comparative Physiology 38, S. 165–182.

Seite 15 · Fakt 8

Die Schnecke mit den Super-Zähnen

Die Zähne der Gemeinen Napfschnecke sitzen auf einer Raspelzunge und sind kürzer als ein Millimeter. 2015 wurden einzelne davon unter einem Rasterkraftmikroskop auseinandergezogen, bis sie rissen. Sie hielten 3,0 bis 6,5 Gigapascal aus.

Damit übertreffen sie Spinnenseide, die bis dahin als stärkstes Naturmaterial galt, und reichen an die besten künstlichen Fasern heran. Der Grund steckt im Aufbau: winzige Fasern aus dem Eisenmineral Goethit, dicht gepackt in einer weicheren Eiweißmasse.

Ein Nebenbefund ist fast noch bemerkenswerter. Die Festigkeit blieb gleich, ganz gleich wie groß das untersuchte Stück war. Bei den meisten Materialien sinkt sie, sobald das Stück wächst, weil dann eher irgendwo ein Fehler darin sitzt.

Quelle: Barber, A. H., Lu, D. & Pugno, N. M. (2015): Extreme strength observed in limpet teeth. Journal of the Royal Society Interface 12, 20141326.

🤢IGITT! · Ekliges und Absurdes

Acht Fakten, bei denen Kinder Ihh rufen und trotzdem weiterlesen.

Seite 17 · Fakt 1

Würfel aus dem Po

Wie die Ecken entstehen, ist seit 2021 geklärt. Der Wombat-Darm ist nicht überall gleich gebaut. Auf den letzten siebzehn Prozent seiner Länge gibt es Zonen, die doppelt so dick und viermal so steif sind wie die weichen Abschnitte dazwischen. Die steifen Stellen ziehen sich schneller zusammen als die weichen. Über rund 40.000 solcher Kontraktionen schiebt sich der Inhalt daran vorbei, und die Kanten werden mit jedem Mal etwas schärfer.

Ein Wombat setzt achtzig bis hundert dieser Würfel pro Nacht ab, meist erhöht auf Steinen und Baumstämmen. Kein anderes Tier bringt eckigen Kot hervor.

Als Vermutung gekennzeichnet: Warum die Würfelform ein Vorteil ist, weiß niemand sicher. Die gängige Erklärung lautet, dass eckiger Kot auf Steinen liegen bleibt und deshalb als Duftmarke taugt, während runder herunterrollen würde. Das leuchtet ein, ist aber nie geprüft worden. Im Kindertext steht es als Antwort, weil ein Erstleser mit „das weiß man noch nicht" an dieser Stelle nichts anfangen kann.

Quelle: Yang, P. J. et al. (2021): Intestines of non-uniform stiffness mold the corners of wombat feces. Soft Matter 17, S. 475–488.

QR-Code „Wombat Poop Uncropped“ · SojournerRL · CC0 · Wikimedia Commons

Seite 18 · Fakt 2

Spucke auf deinem Brot

Der Rüssel einer Stubenfliege funktioniert wie ein Schwamm mit feinen Rillen. Er kann tupfen und saugen, aber weder beißen noch stechen. Alles, was die Fliege frisst, muss deshalb flüssig sein, bevor es in sie hineingeht.

Trifft sie auf etwas Festes, würgt sie Flüssigkeit aus ihrem Kropf hoch, vermischt mit Speichel und Verdauungsenzymen. Der Tropfen weicht die Oberfläche auf. Dann saugt sie das Ganze wieder ein. Häufig schickt sie denselben Tropfen mehrfach hin und her und gibt jedes Mal frischen Speichel dazu, bis genug gelöst ist.

„Spucke" im Kindertext ist also leicht vereinfacht. Der größere Teil kommt aus dem Kropf, einem Vorratsraum vor dem eigentlichen Magen. Was danach auf dem Brot zurückbleibt, ist der Grund, warum Fliegen als Krankheitsüberträger gelten: Sie tragen mit, was sie zuvor besucht haben.

Quelle: House Fly (Diptera: Muscidae): Biology, Pest Status, Current Management Prospects, and Research Needs. Journal of Integrated Pest Management 12 (2021), Artikel 39.

Seite 19 · Fakt 3

Organe als Waffe

Seegurken gehören zu den Stachelhäutern und sind damit mit Seestern und Seeigel verwandt. Bei Gefahr werfen sie Körperinneres aus. Beides geschieht durch dieselbe Öffnung, und beides wächst nach.

Ergänzung: Im Kindertext sind zwei verschiedene Abwehrmechanismen zusammengefasst. Die klebrigen Fäden, die einen Angreifer verkleben, heißen Cuviersche Schläuche. Sie sitzen am Fuß der Wasserlunge, sind ein eigenes Organ und dehnen sich beim Ausstoßen schlagartig. Das Auswerfen des ganzen Verdauungstrakts ist etwas anderes und heißt Eviszeration.

Nicht jede Art kann beides. Die Cuvierschen Schläuche haben vor allem Arten der Gattung Holothuria. Für ein Erstlesebuch ist die Zusammenfassung in Ordnung, hier steht sie der Vollständigkeit halber getrennt.

Der Wiederaufbau dauert seine Zeit. Bei der Europäischen Seewalze braucht ein einzelner Cuvierscher Schlauch etwa fünf Wochen, bis er vollständig nachgewachsen ist. Wirft das Tier viele auf einmal aus, beginnt der Neuaufbau sofort und läuft dann in Wellen ab.

Quelle: VandenSpiegel, D., Jangoux, M. & Flammang, P. (2000): Maintaining the line of defense: regeneration of Cuvierian tubules in the sea cucumber Holothuria forskali. The Biological Bulletin 198, S. 34–49.

Seite 20 · Fakt 4

Pipi auf die Beine

Das Verhalten heißt Urohidrose, und die kühlende Wirkung ist gemessen. Eine Untersuchung an Störchen von 2021 zeigt: Die Beinoberfläche wird um bis zu 6,7 Grad kühler. Der Effekt hält allerdings nur kurz an, nach gut zwei Minuten ist er verflogen. Eingesetzt wird er vor allem bei Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit, starker Sonne und wenig Wind, also genau dann, wenn ein Vogel sonst kaum Wärme loswird.

Ergänzung: Dass ein Geier von seinen Mahlzeiten nicht krank wird, ist untersucht. Der Schutz sitzt allerdings woanders, als der Kindertext vermuten lässt. Sein Magen ist extrem sauer und macht Krankheitserreger schon im Futter unschädlich. Und auf seiner Haut lebt eine eigene Bakteriengemeinschaft, die Krankheitserreger verdrängt, antimikrobielle Stoffe bildet und das Immunsystem in Bereitschaft hält. Der Geier ist also von innen und von außen geschützt.

Dass der Harn selbst die Keime auf den Beinen abtötet, steht auf vielen Naturschutzseiten und in Zootexten. In der Fachliteratur wird Urohidrose durchgehend als Wärmeregulierung behandelt; eine Messung der keimtötenden Wirkung auf den Beinen habe ich nicht gefunden.

Der beliebte Zusatz „Urin ist ja steril" trägt ebenfalls nicht. Diese Annahme galt jahrzehntelang, weil der Standardtest aus den 1950er-Jahren nur wenige Bakterienarten wachsen ließ. Mit heutigen Verfahren fand man ab 2012 in fast jeder gesunden Harnblase Bakterien. Und Vögel haben ohnehin nur eine Öffnung, die Kloake: Was auf den Beinen landet, ist Harnsäure vermischt mit Darminhalt.

Quellen: Cabello-Vergel, J. et al. (2021): Urohidrosis as an overlooked cooling mechanism in long-legged birds. Scientific Reports 11, 20018. · Lobello, M. et al. (2025): The Role of Vulture (Accipitriformes) Cutaneous Microbiota in Infectious Disease Protection. Microorganisms 13, 898.

Seite 21 · Fakt 5

Ein Eimer voll Schleim

Der Schleimaal gibt bei einem Angriff eine kleine Menge Sekret ab, ein paar Milliliter. Im Meerwasser entfalten sich darin Tausende feinster Eiweißfäden und binden Wasser. Das Ergebnis vergrößert sein Volumen um ein Vielfaches, und zwar in weniger als einer halben Sekunde. Für ein Raubtier, das gerade zubeißen wollte, verstopft das die Kiemen.

Der Aal selbst erstickt daran nicht. Er knotet sich zusammen und streift den eigenen Schleim mit dem Knoten ab.

Der Unfall im Kindertext ist echt. Am 13. Juli 2017 kippte auf dem Highway 101 in Oregon ein Transporter mit rund dreieinhalb Tonnen Schleimaalen um. Vier Fahrzeuge waren beteiligt, die Straße musste mit Schaufelbaggern und Feuerwehrschläuchen geräumt werden.

Quelle: Böni, L. et al. (2016): Hagfish slime and mucin flow properties and their implications for defense. Scientific Reports 6, 30371.

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Seite 22 · Fakt 6

Die eigene Haut zum Frühstück

Dass viele Echsen ihre abgestreifte Haut fressen, ist gut dokumentiert. Der Fachbegriff lautet Keratophagie. Eine Übersichtsarbeit von 2006 zählt das Verhalten bei 248 Echsenarten aus 16 Familien und bei 19 Schlangenarten aus vier Familien. Bei Schildkröten und Krokodilen ist kein einziger gesicherter Fall bekannt. Beobachten lässt es sich in jedem Terrarium: Der Gecko zieht die Haut mit dem Maul ab und schluckt sie, oft noch bevor sie ganz gelöst ist.

Ergänzung: Die zwei Gründe im Kindertext sind in der Fachliteratur als Hypothesen geführt, nicht als Befund. Die eine: Die Haut enthält Eiweiß und Mineralstoffe, die das Tier zurückgewinnt, und die Häutung kostet es ohnehin viel. Die andere: Eine liegen gebliebene Haut verrät den Unterschlupf an Fressfeinde. Beides ist plausibel, keines ist gezeigt.

Quelle: Mitchell, J. C., Groves, J. D. & Walls, S. C. (2006): Keratophagy in reptiles: review, hypotheses, and recommendations. South American Journal of Herpetology 1, S. 42–53.

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Seite 23 · Fakt 7

Mamas Spezialkot

Eukalyptusblätter sind für die meisten Tiere ungenießbar. Sie enthalten Gerbstoffe und Giftstoffe, und ihr Eiweiß ist so fest an die Gerbstoffe gebunden, dass ein normaler Verdauungstrakt nicht herankommt. Der Koala schafft es, weil in seinem Blinddarm Bakterien sitzen, die genau diese Verbindungen aufbrechen.

Diese Bakterien bringt kein Koala mit auf die Welt. Das Junge bekommt sie über den sogenannten Pap, eine weiche Sonderausscheidung aus dem Blinddarm der Mutter. Sie enthält deutlich mehr Mikroorganismen als gewöhnlicher Kot und vor allem mehr seltene Arten, was es den Bakterien erleichtert, sich im Jungtier festzusetzen.

Der Zeitpunkt ist entscheidend. Das Junge nimmt den Pap auf, wenn es vom Beutel auf feste Nahrung umstellt. Ohne diese Übergabe könnte es die Blätter nicht verwerten.

Quelle: Blyton, M. D. J. et al. (2022): Maternal inheritance of the koala gut microbiome and its compositional and functional maturation during juvenile development. Environmental Microbiology 24.

Seite 24 · Fakt 8

Der Zungen-Dieb

Der Fall wurde 1983 zum ersten Mal beschrieben. Zwei Forscher untersuchten 37 Gefleckte Schnapper vor Guaymas in Mexiko. Bei zwei Fischen saß ein weiblicher Parasit im Maul, und über neunzig Prozent der Zunge fehlten.

Der Ablauf: Die Assel dringt durch die Kiemen ein, setzt sich auf der Zunge fest und zapft deren Blutgefäße an. Die Zunge verkümmert und fällt ab. Die Assel bleibt am Stumpf sitzen, und der Fisch benutzt sie fortan wie sein eigenes Organ. Fressen kann er weiter, ganz normal.

Das ist der bislang einzige bekannte Fall, in dem ein Parasit ein Organ seines Wirts nicht zerstört, sondern dessen Aufgabe übernimmt. 2025 wurde übrigens klar, dass es im östlichen Pazifik nicht nur eine solche Art gibt: Bei der Untersuchung von 32 Asseln aus mexikanischen Fischmärkten fand sich eine zweite, bis dahin unbekannte.

Quelle: Brusca, R. C. & Gilligan, M. R. (1983): Tongue replacement in a marine fish (Lutjanus guttatus) by a parasitic isopod (Crustacea: Isopoda). Copeia 1983, S. 813–816.

QR-Code „Cymothoa exigua parassita Lithognathus mormyrus“ · Marco Vinci · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

😮OOHH! · Fakten zum Überraschen

Acht Fakten, die einer festen Vorstellung widersprechen.

Seite 26 · Fakt 1

Der schwangere Papa

Die Bauchtasche des Seepferdchen-Männchens ist keine Tragetasche. Sie ist an seinen Blutkreislauf angeschlossen und übernimmt genau die Aufgaben, die bei Säugetieren der Mutterkuchen leistet: Sie versorgt die Embryonen mit Sauerstoff, führt Abfallstoffe ab und hält den Salzgehalt in der Tasche stabil, während draußen Meerwasser steht.

Je nach Art dauert das zwei bis fünf Wochen. Am Ende presst das Männchen die Jungen in Schüben heraus. Bei den großen Arten sind es bis zu tausend auf einmal.

Der Nebensatz im Buch über den langsamsten Fisch stimmt ebenfalls. Den Rekord hält das Zwerg-Seepferdchen mit etwa anderthalb Metern in der Stunde. Ein Seepferdchen hat keine Schwanzflosse, es schwimmt allein mit der kleinen Rückenflosse, die dafür bis zu fünfzig Mal in der Sekunde schlägt.

Quelle: Cellular and molecular mechanisms of seahorse male pregnancy. Nature Ecology & Evolution (2025). Rekordangabe nach Guinness World Records.

QR-Code Die Welt

Seite 27 · Fakt 2

Ein sehr langer Hals

Sieben Halswirbel haben fast alle Säugetiere, vom Menschen über die Maus bis zum Blauwal. Bei der Giraffe ist jeder einzelne davon bis zu 25 Zentimeter lang. Die Länge entsteht also nicht durch mehr Knochen, sondern durch größere.

Zwei Ausnahmen von der Siebenerregel gibt es doch: Faultiere und Seekühe. Faultiere haben je nach Art acht oder neun Halswirbel, Seekühe nur sechs. Beide leben so langsam, dass die Nachteile, die diese Abweichung bei anderen Säugetieren mit sich bringt, offenbar nicht ins Gewicht fallen.

Wer beim Vorlesen noch etwas nachlegen möchte: Ein Nerv, der vom Gehirn zum Kehlkopf führt, macht bei allen Säugetieren einen Umweg durch den Brustkorb. Beim Menschen kostet das ein paar Zentimeter. Bei der Giraffe sind es über vier Meter für eine Strecke, die Luftlinie eine Handbreit misst.

Quelle: Lehrbuchwissen der vergleichenden Anatomie; Übersichtsdarstellungen des Natural History Museum, London.

Seite 28 · Fakt 3

Schielen als Superkraft

Chamäleons haben ein sehr großes Sehfeld. Jedes Auge sitzt in einem kegelförmigen Lidturm, aus dem nur die Pupille herausschaut, und lässt sich weit drehen. Beim Absuchen der Umgebung bewegen sich die beiden Augen tatsächlich unabhängig voneinander, genau wie im Kindertext beschrieben.

Genauer hingeschaut: Vollständig unabhängig sind die Augen nicht. 2015 hat man Chamäleons zwei Beutetiere gleichzeitig gezeigt. Solange sie nur suchen, laufen die Augen getrennt. Sobald sich das Tier für eine Beute entscheidet, richten sich beide Augen auf dasselbe Ziel. Und auch beim getrennten Verfolgen dominiert ein Auge das Verhalten. Die Augen sind also nicht zwei getrennte Systeme, sondern eines, das je nach Lage lockerer oder strenger gekoppelt ist.

Quelle: Katz, H. K. et al. (2015): Eye movements in chameleons are not truly independent. Journal of Experimental Biology 218, S. 2097–2105.

QR-Code Florida Museum of Natural History

Seite 29 · Fakt 4

Dieser Vogel frisst sich rosa

Die Farbstoffe heißen Carotinoide. Sie stecken in Algen und in kleinen Krebstieren, die der Flamingo aus dem Wasser siebt. Der Körper baut sie in die wachsenden Federn ein. Ein Küken hat davon noch nichts abbekommen und ist grau.

Die Farbe ist deshalb ein Gesundheitszeugnis. Ein kräftig rosa Flamingo hat gut gefressen, und Flamingos achten bei der Partnerwahl darauf.

Etwas, das im Kindertext keinen Platz hatte: Flamingo-Eltern füttern ihr Küken mit einer roten Flüssigkeit aus dem Kropf, die viele dieser Farbstoffe enthält. Sie geben also ihre Farbe an das Junge weiter und werden dabei selbst blasser. Wer im Zoo einen auffällig blassen Flamingo sieht, sieht meist einen mit Nachwuchs.

Quelle: Angaben der Zoologischen Gesellschaft und ornithologische Standardliteratur zur Carotinoid-Färbung.

QR-Code „Greater Flamingo feeding chick at zoo“ · Kongkham6211 · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Seite 30 · Fakt 5

Das Einhorn des Meeres

Der Stoßzahn ist der linke obere Eckzahn. Er durchbricht die Oberlippe und wächst das ganze Leben weiter, bei alten Männchen bis auf drei Meter. Die meisten Weibchen haben keinen.

2014 wurde untersucht, was er kann. Durch feine Kanäle im äußeren Zahnzement dringt Meerwasser bis zu Röhrchen im Zahnbein und von dort zu Nervenenden im Inneren. Der fünfte Hirnnerv leitet das Signal ins Gehirn. Der Zahn kann also messen, was ihn umgibt, zum Beispiel wie salzig das Wasser ist. Ein Zahn, der nach außen gewachsen ist und dabei ein Sinnesorgan geblieben ist.

Die Einhorn-Geschichte im Kindertext ist historisch belegt. Im mittelalterlichen Europa wurden Narwalzähne als Einhorn-Hörner gehandelt und mit Gold aufgewogen. Man schrieb ihnen zu, Gift unschädlich zu machen, weshalb sie an Fürstenhöfen zu Bechern und Zepterspitzen verarbeitet wurden.

Quelle: Nweeia, M. T. et al. (2014): Sensory ability in the narwhal tooth organ system. The Anatomical Record 297, S. 599–617.

Seite 31 · Fakt 6

Schmecken ohne Zunge

An den Füßen von Schmetterlingen sitzen feine Sinneshaare, die auf gelöste Stoffe reagieren. Landet das Tier auf einem Blatt, bekommt es sofort eine chemische Auskunft darüber, worauf es steht.

Am wichtigsten ist das für die Weibchen. Bevor sie ein Ei ablegen, trommeln sie mit den Vorderbeinen auf das Blatt und ritzen die Oberfläche an. Der austretende Saft verrät ihnen, ob es die richtige Pflanze ist. Legen sie falsch ab, verhungert die Raupe, denn viele Raupen fressen nur eine einzige Pflanzenart.

Der Hinweis auf die Fliegen im Kindertext stimmt ebenfalls. Auch sie tragen ihre Geschmackssinne an den Füßen.

Quelle: Entomologische Standardliteratur zu tarsalen Chemorezeptoren bei Lepidoptera.

Seite 32 · Fakt 7

Ein Dino im Garten

Vögel sind keine Nachfahren der Dinosaurier, sie sind Dinosaurier. Stammbaumtechnisch gehören sie zu den Theropoden, also derselben Gruppe wie Tyrannosaurus und Velociraptor. Alles, was aus dieser Gruppe hervorgegangen ist, bleibt Teil von ihr, so wie ein Mensch ein Säugetier bleibt.

Die Gemeinsamkeiten sind zahlreich: das Gabelbein, die dreifingrige Hand, das Fußgelenk, brütendes Verhalten auf dem Nest. Und Federn. Von immer mehr Theropoden weiß man inzwischen, dass sie befiedert waren, lange bevor irgendetwas davon fliegen konnte. Federn sind also nicht zum Fliegen entstanden.

Ergänzung: Hohle Knochen haben nicht alle Dinosaurier. Es ist ein Merkmal der Theropoden und der langhalsigen Sauropoden, bei denen Luftsäcke aus der Lunge bis in die Knochen reichen. Bei gepanzerten Dinosauriern und Hornsauriern findet man das nicht.

Quelle: Natural History Museum, London, Übersichtsdarstellung „Are birds dinosaurs?".

Seite 33 · Fakt 8

Ist der Eisbär wirklich weiß?

Beides stimmt: Die Haare sind farblos und hohl, die Haut darunter ist schwarz. Weiß erscheint das Fell, weil das Licht an den unregelmäßig stehenden Haaren in alle Richtungen gestreut wird. Dasselbe passiert bei Schnee, der ebenfalls aus farblosem Material besteht.

Ergänzung: Die schwarze Haut nimmt Sonnenwärme auf, das stimmt. Als Hauptgrund für die Wärme reicht sie aber nicht aus, und zwar aus einem einfachen Grund: Im arktischen Winter geht die Sonne wochenlang gar nicht auf. Genau dann, bei minus vierzig Grad auf dem Meereis, bräuchte der Bär die Wärme am dringendsten, und ein Sonnenkollektor nützt ihm nichts.

Was tatsächlich wärmt, ist die Dämmung. Die hohlen Deckhaare leiten Wärme schlecht, darunter liegt eine dichte Unterwolle, die eine Luftschicht festhält. Das funktioniert so gut, dass Eisbären ab etwa zehn Grad plus überhitzen. Die schwarze Haut nimmt Sonnenlicht auf, wenn welches da ist. Der Hauptgrund für die Wärme ist sie nicht.

Und ein zweiter Irrtum, der nicht im Buch steht: In den 1970er-Jahren kam die Idee auf, die hohlen Haare leiteten Licht wie Glasfaserkabel bis auf die schwarze Haut. Der Physiker Daniel Koon hat das gemessen. Durch zweieinhalb Zentimeter Haar kommt weniger als ein Tausendstel Prozent des roten Lichts. Die Haare sind hohl, aber sie sind keine Lichtleiter.

Quellen: Koon, D. W. (1998): Is polar bear hair fiber optic? Applied Optics 37, S. 3198–3200. · Angaben des North American Bear Center und des Geophysical Institute, University of Alaska Fairbanks.

QR-Code „Polar Bear with its tongue sticking out“ · Christopher Michel · CC BY 2.0 · Wikimedia Commons

AAHH! · Fakten zum Verzaubern

Acht Fakten, bei denen es nichts zu gruseln und nichts zu jubeln gibt. Nur zu schauen.

Seite 35 · Fakt 1

Kleine Lampen in der Nacht

Glühwürmchen sind Käfer, die Leuchtkäfer. Der irreführende Name geht auf die Weibchen mancher Arten zurück: Sie bleiben flügellos und madenförmig und sitzen leuchtend am Boden, während die Männchen fliegen.

Das Licht entsteht im Hinterleib. Der Stoff Luciferin reagiert dort mit Sauerstoff, und dabei wird fast die gesamte Energie in Licht umgesetzt statt in Wärme. Man spricht von kaltem Licht. Eine Glühbirne alter Bauart schafft das Gegenteil: Bei ihr wird der allergrößte Teil zu Wärme.

Das Blinken ist Partnersuche, und jede Art hat ihren eigenen Takt. Das synchrone Blinken ganzer Baumgruppen, das den Weihnachtsbaum-Vergleich im Buch trägt, gibt es nur bei wenigen Arten, vor allem in Südostasien und in den Great Smoky Mountains in den USA. Die einheimischen Arten leuchten dagegen eher dauerhaft als im Takt.

Quelle: Angaben des US National Park Service zu synchron blinkenden Leuchtkäfern (Photinus carolinus) sowie entomologische Standardliteratur zur Biolumineszenz.

QR-Code „Fireflies (Pteroptyx mcdermotti) Bohol“ · Charles J. Sharp · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Seite 36 · Fakt 2

Schlafen mitten im Meer

Seeotter haben keine Speckschicht. Was sie im kalten Wasser hält, ist ihr Fell, und es ist das dichteste im ganzen Tierreich: bis zu 150.000 Haare auf einem Quadratzentimeter. Zum Vergleich: Auf deinem ganzen Kopf sitzen etwa 100.000. Zwischen diesen Haaren steckt eine Luftschicht, und die muss ständig gepflegt werden. Ein Seeotter, dessen Fell verklebt, unterkühlt.

Zum Schlafen legen sie sich zu Gruppen zusammen, sogenannten Rafts. Die können über hundert Tiere umfassen. Das Halten an den Pfoten ist dabei die eine Methode, sich nicht zu verlieren. Die andere: Sie wickeln sich in Seetang ein und liegen dann vor Anker.

Quelle: Angaben des Monterey Bay Aquarium und des US Fish and Wildlife Service zum Seeotter.

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Seite 37 · Fakt 3

Ein blaues Traumhaus

Der Name erklärt sich, wenn man ihn zerlegt. Seide steht für den seidigen Glanz des Gefieders, Laube für das Häuschen aus Zweigen. Gebaut wird sie nur von den Männchen, und gewohnt wird darin nicht. Das Nest steht woanders, die Laube ist reines Werbebauwerk.

Ältere Männchen bauen die besseren Lauben und sortieren konsequenter: Was nicht blau ist, tragen sie wieder hinaus. Das Weibchen prüft mehrere Lauben, bevor es sich entscheidet.

Die blauen Deckel und Klammern im Kindertext sind keine Erfindung. Blaues Plastik ist heute ein häufiger Fund in Lauben, weil es in der Natur kaum blaue Dinge gibt und Plastikmüll überall liegt. Ein hübsches Detail mit unschönem Hintergrund.

Für die Bildauswahl wichtig: Blauschwarz mit violettblauen Augen ist nur das ausgewachsene Männchen. Weibchen und junge Männchen sind olivgrün. Ein Kind, das ein Foto mit grünem Vogel sieht, würde zu Recht stutzig werden.

Quelle: Angaben des Australian Museum zum Seidenlaubenvogel (Ptilonorhynchus violaceus).

QR-Code „Satin Bowerbird at Bower 6533“ · JJ Harrison · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Seite 38 · Fakt 4

Immer ein Lächeln

Das Lächeln ist eine anatomische Täuschung. Die Schnauze ist kurz, die Mundwinkel zeigen nach oben, und beim Kauen verstärkt sich der Eindruck noch. Über die Stimmung des Tieres sagt das nichts.

Quokkas leben fast ausschließlich auf Rottnest Island vor Westaustralien und gelten als gefährdet. Füttern und Anfassen sind dort verboten. Der Grund ist banal und traurig: Menschliches Essen macht sie krank, und viele der berühmten Selfie-Bilder entstehen zu nah am Tier.

Zum Namen. „Quokka" stammt aus der Sprache der Noongar, der Aboriginal-Menschen im Südwesten Australiens, überliefert als gwaga oder kwaka. Eine übersetzbare Bedeutung hat das Wort nicht, es ist schlicht ihr Name für dieses Tier. Die Insel hat die bessere Namensgeschichte: Der Niederländer Willem de Vlamingh landete dort 1696, hielt die Quokkas für riesige Ratten und nannte sie Rattennest-Insel. Aus Rottenest wurde Rottnest, und dabei ist es geblieben.

Zum Weiterreden: „Sieht man einem Tier eigentlich an, wie es ihm geht? Und woran merkt man bei einem Menschen, dass er nur höflich lächelt?"

Quelle: Angaben der Rottnest Island Authority und des Department of Biodiversity, Conservation and Attractions, Westaustralien.

QR-Code „Quokka (Setonix brachyurus)“ · patrickkavanagh · CC BY 2.0 · Wikimedia Commons

Seite 39 · Fakt 5

Das schwimmende Kunstwerk

Fast alles Blau im Tierreich ist gar keine Farbe, sondern ein Lichteffekt. Beim Eisvogel, beim Blauen Morphofalter, beim Pfau entsteht Blau durch winzige Strukturen, die das Licht brechen. Zerreibt man eine solche Feder, ist das Blau weg.

Der Mandarinfisch gehört zu den zwei einzigen bekannten Wirbeltieren, die echtes blaues Pigment in Zellen tragen. Diese Zellen bekamen 1995 einen eigenen Namen: Cyanophoren. Das zweite Tier ist der nah verwandte Psychedelische Leierfisch.

Ergänzung: Echtes Pigment leuchtet nicht kräftiger als strukturelles Blau, eher umgekehrt. Die brillantesten Blautöne der Natur sind Lichteffekte. Besonders am Mandarinfisch ist die Seltenheit, nicht die Leuchtkraft. Der Kindertext sagt das genau so.

Zwei Zugaben: Der Name geht vermutlich auf die farbenprächtigen Gewänder chinesischer Mandarine zurück, hoher Beamter am Kaiserhof, nicht auf die Frucht. Und Schuppen hat er keine. Stattdessen schützt ihn eine bitter schmeckende Schleimhaut.

Quelle: Goda, M. & Fujii, R. (1995): Blue chromatophores in two species of callionymid fish. Zoological Science 12, S. 811–813.

QR-Code „Synchiropus splendidus 2 Luc Viatour“ · Luc Viatour · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

Seite 40 · Fakt 6

Papa im Eis

Mit bis zu 1,20 Metern und rund 40 Kilogramm ist der Kaiserpinguin die größte lebende Pinguinart. Der Name folgt einer Rangordnung: Der kleinere Verwandte war als Königspinguin schon vergeben, also bekam die größere Art 1844 den höheren Titel.

Das Männchen hält das Ei 65 bis 75 Tage auf den Füßen, unter einer Bauchfalte, bei Temperaturen bis minus 60 Grad und im Sturm. Gefressen wird in dieser Zeit nichts. Rechnet man Anmarsch und Rückweg dazu, fastet es rund vier Monate und verliert bis zu vierzig Prozent seines Gewichts.

Ergänzung: Die vier Monate, die man oft liest, meinen diese gesamte Fastenzeit, nicht die Brutdauer. Im Kindertext stehen deshalb bewusst zwei Monate, denn gemeint ist die Zeit auf den Füßen.

Danach übernimmt das Weibchen, das inzwischen vom Meer zurück ist, und das Männchen läuft los. Bis zum offenen Wasser können es über hundert Kilometer sein.

Quelle: Angaben des Australian Antarctic Program zum Kaiserpinguin (Aptenodytes forsteri).

QR-Code Australian Antarctic Program

Seite 41 · Fakt 7

Sternenstaub im Meer

Das Meeresleuchten geht meist auf Dinoflagellaten zurück, vor allem auf Noctiluca scintillans, das Meeresleuchttierchen. Sie leuchten, sobald das Wasser sie bewegt, also bei Wellen, Schritten oder einer Bootsschraube. Vermutlich ist es ein Schreckreflex: Das Aufblitzen macht den Angreifer selbst sichtbar für dessen Feinde.

Ergänzung: Zwei Genauigkeiten stecken schon im Kindertext, ohne dass sie erklärt werden. Erstens heißt es dort „winzige Lebewesen" und nicht „winzige Tiere", denn Dinoflagellaten sind Einzeller und keine Tiere. Zweitens ist Plankton kein Artname, sondern der Sammelbegriff für alles, was im Wasser treibt, ohne dagegen anschwimmen zu können.

Quelle: Meereskundliche Standardliteratur zu Noctiluca scintillans und mariner Biolumineszenz.

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Seite 42 · Fakt 8

Der Frosch aus Glas

Durch die Bauchhaut des Glasfrosches sieht man Herz, Magen, Darm und die Knochen der Beine. Von oben ist er unauffällig grün und sitzt auf einem Blatt. Von unten ist er beinahe ein Fenster.

Beim Schlafen wird er noch durchsichtiger. Er schiebt rund neunzig Prozent seiner roten Blutkörperchen in die Leber und lagert sie dort ein. Was übrig bleibt, ist farbloser. Wacht er auf, verteilt sich das Blut wieder.

Für die Medizin ist das mehr als eine Kuriosität. Menschliches Blut würde bei einer solchen Konzentration sofort verklumpen. Wie der Frosch das verhindert, ist noch nicht verstanden.

Quelle: Taboada, C. et al. (2022): Glassfrogs conceal blood in their liver to maintain transparency. Science 378, S. 1315–1320.

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😱UUHH! · Fakten zum Gruseln

Acht Fakten, die schaurig klingen und trotzdem harmlos erzählt sind.

Seite 44 · Fakt 1

Die Geister von Tasmanien

Der Tasmanische Teufel ist ein Beuteltier und lebt heute nur noch auf Tasmanien. Seinen Namen bekam er von europäischen Siedlern, die nachts die Schreie hörten und nicht wussten, was sie sich darunter vorstellen sollten.

Der Lärm entsteht fast immer beim gemeinsamen Fressen. Mehrere Tiere finden denselben Kadaver, und dann wird gestritten. Es ist Gezänk untereinander, keine Drohung gegen Menschen. Wer die Aufnahmen hört, hört eine Mahlzeit.

Gemessen an seiner Größe hat er den stärksten Biss aller Säugetiere. Von einem Kadaver bleibt wenig übrig, er frisst Knochen und Fell mit. Und wenn er sich aufregt, laufen seine Ohren rot an, weil die Haut dort dünn und gut durchblutet ist.

Ein Wort zur Bedrohung, weil manche Eltern davon gehört haben: Seit 1996 breitet sich unter den Teufeln ein ansteckender Gesichtstumor aus, der beim Beißen von Tier zu Tier übergeht. Ansteckenden Krebs gibt es außerhalb des Labors nur bei zwei weiteren Tierarten. Der Bestand ist seither um rund achtzig Prozent zurückgegangen, die Art gilt als gefährdet, und 2014 kam eine zweite, unabhängig entstandene Form dazu. In Schutzstationen werden inzwischen gesunde Tiere nachgezogen.

Quelle: Angaben des Parks and Wildlife Service Tasmania zu Sarcophilus harrisii.

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Seite 45 · Fakt 2

Die Riesin aus der Tiefe

Die Riesenassel gehört zur selben Ordnung wie die Kellerassel unter dem Gartenstein. Es ist also wirklich dieselbe Verwandtschaft, nur eben zwanzig bis dreißig Zentimeter lang statt einen.

In der Tiefsee ist es dunkel, eiskalt und nahrungsarm. Der Stoffwechsel läuft entsprechend langsam. Gefressen wird vor allem Aas, etwa ein herabgesunkener Wal, und zwischen zwei solchen Gelegenheiten können Monate liegen.

Ergänzung: Die fünf Jahre im Kindertext sind ein einzelner dokumentierter Fall, kein Artdurchschnitt. Die Assel mit der Nummer 1 im Toba-Aquarium in Japan verweigerte 1868 Tage lang jede Nahrung und starb im Februar 2014. Im Kindertext steht deshalb bewusst „Eine lebte in einem Aquarium" und nicht „Riesenasseln fressen fünf Jahre nichts".

Quelle: Dokumentation des Toba Aquarium, Japan; Angaben der NOAA zu Bathynomus giganteus.

QR-Code „Bathynomus giganteus hi-res“ · NOAA · gemeinfrei · Wikimedia Commons

Seite 46 · Fakt 3

Der Jäger an der Decke

Beschrieben wurde das Fangen fliegender Fledermäuse 2005, und zwar in einer einzigen venezolanischen Höhle. Der Hundertfüßer hält sich mit den hinteren Beinen an der Decke fest, lässt den Vorderkörper frei hängen und greift im Vorbeiflug zu.

Ergänzung: Das ist eine Beobachtung an einem Ort, kein allgemeines Verhalten der Art. Sie sollte nicht zu „Hundertfüßer jagen Fledermäuse" verkürzt werden.

Und hier die Pointe, für die im Kindertext kein Platz war: Kein Hundertfüßer hat hundert Beine, und das ist keine Nachlässigkeit der Natur, sondern unmöglich. Hundertfüßer haben immer eine ungerade Zahl von Beinpaaren. Der Grund steckt genau in der Waffe aus dem Kindertext: Am ersten Körpersegment ist das vorderste Beinpaar zur Giftklaue umgebaut und zählt nicht mehr mit. Hundert Beine wären fünfzig Paare, also eine gerade Zahl, und die kommt nicht vor. Die Spanne reicht von 15 bis 191 Beinpaaren. Die Art aus der Höhle hat 21 bis 23 Paare, also 42 bis 46 Beine.

Zum Weiterreden: „Zähl mal nach, wie viele Beine ein Hundertfüßer wirklich hat. Es sind nie hundert, und das ist der Trick an seinem Namen."

Quelle: Molinari, J. et al. (2005): Predation by giant centipedes, Scolopendra gigantea, on three species of bats in a Venezuelan cave. Caribbean Journal of Science 41.

Seite 47 · Fakt 4

Wer braucht schon einen Kopf?

Drei Dinge kommen zusammen, damit das funktioniert.

Sie verblutet nicht. Ihr Kreislauf steht nicht unter Druck wie unserer, die Wunde verschließt sich einfach. Streng genommen ist es auch kein Blut, sondern Hämolymphe. Sie atmet weiter, denn sie hat keine Lunge, sondern kleine Öffnungen am ganzen Körper, die in ein Röhrensystem führen. Und sie läuft weiter, weil entlang ihres Bauchmarks Nervenknoten sitzen, die das Laufen selbst steuern.

Was sie schließlich umbringt, ist der Durst. Trinken kann sie ohne Kopf nicht, und nach etwa einer Woche ist es vorbei.

Weit verbreitet und trotzdem falsch: die Formulierung, das Gehirn der Schabe sei über den ganzen Körper verteilt. Das Gehirn sitzt im Kopf. Verteilt sind die Nervenknoten, und die übernehmen nur Grundfunktionen. Dein Kindertext sagt genau das Richtige, nämlich „überall sitzen kleine Nervenknoten".

Quelle: Darstellung in Scientific American zur Kopflosigkeit bei Schaben; entomologische Standardliteratur zu Tracheensystem und Bauchmark.

Seite 48 · Fakt 5

24 Augen, kein Gehirn

Die Seewespe ist eine Würfelqualle. Ihre 24 Augen sitzen in vier Gruppen zu je sechs, und darunter sind echte Linsenaugen mit Netzhaut, ähnlich gebaut wie unsere. Was fehlt, ist die Zentrale: Es gibt kein Gehirn, das aus all diesen Bildern eines macht.

Wie daraus trotzdem brauchbares Verhalten entsteht, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Die offene Frage am Ende deines Kindertextes ist also keine Erzählwendung, sondern der tatsächliche Forschungsstand.

Das Gift wirkt auf das Herz und kann innerhalb von Minuten zum Stillstand führen. In Australien sind seit den 1880er-Jahren mehrere Dutzend Todesfälle dokumentiert. Die Tentakel werden bis zu drei Meter lang.

Für besorgte Kinder: Die Seewespe lebt in Nordaustralien und im Indopazifik. In europäischen Meeren kommt sie nicht vor, im Mittelmeer auch nicht. Im Kindertext steht deshalb „weit weg von uns" und nicht „nur bei Australien", weil Letzteres zu eng gefasst wäre.

Quelle: Angaben des Australian Institute of Marine Science zu Chironex fleckeri.

Seite 49 · Fakt 6

Die Werwolfmaus

Ihr offizieller Name ist Südliche Grashüpfermaus. Sie lebt im Südwesten der USA und im Nordwesten Mexikos und ist eine fleischfressende Maus: Grashüpfer, Käfer, Skorpione, notfalls Artgenossen.

Zum Heulen stellt sie sich auf die Hinterbeine, streckt die Nase nach oben und hält einen Ton zwischen 0,7 und 1,2 Sekunden. Bis zu hundert Meter weit ist er zu hören, und er markiert das Revier. Wissenschaftlich ist es eher ein Pfeifton als ein Geheul, aber die Körperhaltung ist tatsächlich die eines Wolfs.

Weit verbreitet und trotzdem falsch: dass sie gegen das Skorpiongift immun sei. Sie ist gegen den Schmerz immun, und das ist etwas anderes. Bei uns und bei gewöhnlichen Mäusen dockt das Gift des Arizona-Rindenskorpions an einen Kanal namens Nav1.7 an und löst Schmerz aus. Bei ihr bindet es zusätzlich an Nav1.8 und blockiert dort die Weiterleitung. Das Gift wirkt bei ihr also wie ein Schmerzmittel. Die Schmerzforschung interessiert sich seither sehr für dieses Tier.

Zur Gefährlichkeit des Skorpions: Belegt ist, dass Kleinkinder an einem Stich sterben können. Dass andere Mäuse daran sterben, ist nicht dokumentiert. Im Kindertext steht deshalb „können daran sterben".

Quelle: Rowe, A. H. et al. (2013): Voltage-gated sodium channel in grasshopper mice defends against bark scorpion toxin. Science 342, S. 441–446.

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Seite 50 · Fakt 7

Die Zombie-Ameise

Der Pilz heißt Ophiocordyceps unilateralis, und der Name beschreibt genau das, was man am Ende sieht: ophio von Schlange, cordyceps aus Keule und Kopf. Schlangenartiger Keulenkopf. Auf Deutsch heißt die Pilzgruppe Kernkeule.

Weit verbreitet und trotzdem falsch: dass der Pilz das Gehirn übernimmt. Er tut das Gegenteil. Er umschlingt die Muskeln und spart das Gehirn aus, das bis zuletzt unversehrt bleibt. Die Ameise ist also bei Bewusstsein, während ihr Körper etwas tut, das sie nicht steuert. Genau deshalb steht im Kindertext das Bild der Handpuppe, die von innen bewegt wird, und nicht das einer Fernsteuerung.

Befallen werden ausschließlich Ameisen der Gattung Camponotus, auf Deutsch die Rossameisen. Für ein einzelnes Tier endet es immer tödlich, betroffen sind aber stets nur einzelne Arbeiterinnen eines Volkes. Menschen kann der Pilz nicht befallen.

Für besorgte Kinder: In Europa gibt es das heute nicht. Belegt ist es aus Brasilien, Thailand, Australien und aus warm-gemäßigten Wäldern in Florida, South Carolina und Japan. Der Pilz braucht dauerhaft hohe Luftfeuchte. Heimische Rossameisen sind nicht betroffen. Einmal allerdings gab es das auch hier: In der Grube Messel bei Darmstadt fand man ein 48 Millionen Jahre altes Blatt mit den Bissspuren einer Ameise, die sich genau so festgebissen hatte.

Ergänzung zum Namen: Im Kindertext heißt es, die Rossameise sei stark wie ein Pferd. Sprachgeschichtlich steht die Vorsilbe Ross hier für Größe, nicht für Kraft, so wie bei der Rosskastanie. Rossameisen sind die größten Ameisen Mitteleuropas.

Quellen: Fredericksen, M. A. et al. (2017): Three-dimensional visualization and a deep-learning model reveal complex fungal parasite networks in behaviorally manipulated ants. PNAS 114. · Hughes, D. P., Wappler, T. & Labandeira, C. C. (2011): Ancient death-grip leaf scars reveal ant–fungal parasitism. Biology Letters 7, S. 67–70.

Seite 51 · Fakt 8

Die Schlange aus der Urzeit

Gefunden wurde Titanoboa cerrejonensis in der Kohlemine Cerrejón in Kolumbien und 2009 beschrieben. Sie maß etwa 12,8 Meter, Schätzungen reichen bis 14,3. Sie wog zwischen 730 und 1135 Kilogramm, hatte an der dicksten Stelle rund 1,7 Meter Umfang und einen Schädel von etwa 40 Zentimetern.

Gelebt hat sie vor 58 bis 60 Millionen Jahren, also im Paläozän. Das ist die Zeit nach dem Aussterben der großen Dinosaurier. Im Kindertext steht deshalb genau „die großen Dinos", damit es sich nicht mit dem Fakt aus Kapitel 3 beißt, dass Vögel lebende Dinosaurier sind.

Was sie fraß, lässt sich am Schädel ablesen. Gaumen, Zahnzahl und Zahnform sprechen für Fischfang. Aus derselben Fundschicht stammen außerdem kleinere Krokodilverwandte, die als Beute gelten.

Und der Name, der im Kindertext bewusst fehlt, weil er dort wie ein Fremdkörper wirkte: Titan geht auf die Riesen der griechischen Sagen zurück, Boa auf die Würgeschlangen. Titanoboa heißt also schlicht Riesenschlange.

Quelle: Head, J. J. et al. (2009): Giant boid snake from the Palaeocene neotropics reveals hotter past equatorial temperatures. Nature 457, S. 715–717.

QR-Code „Titanoboa OC Harfa Praha“ · Mojmir Churavy · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

🎉YEAH! · Tier-Weltmeister und Rekorde

Sieben Rekorde, die man messen kann. Und einer, der keine Einheit hat.

Seite 53 · Fakt 1

Der Größte, den es je gab

Der Blauwal wird rund dreißig Meter lang und bis etwa 150 Tonnen schwer. Er ist das schwerste Tier der Erdgeschichte. Der Kindertext definiert ihn bewusst über das Gewicht und nicht über die Länge, denn manche Langhals-Dinosaurier waren womöglich ähnlich lang, aber sehr viel leichter. So bleibt Fakt 7 in diesem Kapitel widerspruchsfrei.

Das Herz wiegt etwa 180 Kilogramm und hat ungefähr die Größe eines Autoscooters. Pro Schlag bewegt es rund eine Badewanne voll Blut. Gefressen wird mit Barten aus Keratin, demselben Material, aus dem unsere Fingernägel bestehen.

Weit verbreitet und trotzdem falsch: dass ein Kind durch die Adern eines Blauwals kriechen könnte. Die Hauptschlagader ist dafür zu eng. Man könnte den Kopf hineinstecken, mehr nicht. Das Royal Ontario Museum, das ein solches Herz präpariert hat, weist ausdrücklich darauf hin.

Ergänzung, und zwar eine wichtige: Die 16 Tonnen Krill pro Tag sind eine neue Zahl. Bis 2021 standen in fast allen Büchern vier Tonnen. Dann hat eine Arbeitsgruppe mit Sendern an über dreihundert Walen gemessen statt geschätzt, und das Ergebnis war das Dreifache. Die meisten Tierbücher führen bis heute den alten Wert. Der Wert gilt für die Fresssaison, und die Tiere fressen nicht an jedem einzelnen Tag.

Beim Lesen: „Autoscooter" ist die eine Stelle im ganzen Buch, an der die Silbenmethode nicht trägt. Die Silbe „scoo" lässt sich nach deutschen Regeln nicht auflösen, denn ein deutsches „oo" klingt wie in Boot und Moos. Sag deinem Kind dieses eine Wort ruhig vor. Bei „Spa-ghet-ti" ist es anders: Dort bleibt das gh innerhalb einer Silbe, und das Wort kennt dein Kind ohnehin vom Hören. Beide Schreibweisen sind übrigens die einzig zulässigen. „Spagetti" wurde am 1. Juli 2024 aus dem amtlichen Wörterverzeichnis gestrichen.

Quelle: Savoca, M. S. et al. (2021): Baleen whale prey consumption based on high-resolution foraging measurements. Nature 599, S. 85–90. · Angaben des Royal Ontario Museum, Toronto.

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Seite 54 · Fakt 2

Über die höchsten Berge

Die Streifengans überquert zweimal im Jahr den Himalaya, zwischen den Brutgebieten in Zentralasien und den Winterquartieren in Indien. Üblich sind fünf- bis sechstausend Meter. Der höchste per GPS gemessene Wert liegt bei 7290 Metern.

Die Anpassung sitzt tatsächlich im Blut, wie der Kindertext sagt. Ein einziger ausgetauschter Baustein im Hämoglobin, dazu zwei kleinere Änderungen, sorgt dafür, dass sich das Blut auch in dünner Luft noch voll mit Sauerstoff lädt. Dazu kommen ein größeres Herz, mehr feine Blutgefäße in der Flugmuskulatur und die ohnehin sehr leistungsfähige Vogellunge.

Weit verbreitet und trotzdem falsch: dass die Streifengans über den Mount Everest fliegt oder achttausend Meter erreicht. Diese Angabe geistert durch viele Texte, gemessen wurde sie nie. Im Kindertext steht deshalb „über 7000 Meter", und das ist belegt.

Und eine Formulierungsfalle: Der Vorteil besteht gegenüber anderen Gänsen, nicht gegenüber uns. Vogelblut bindet Sauerstoff generell schwächer als Säugetierblut, menschliches Blut liegt sogar leicht vorne. Ein Satz wie „ihr Blut nimmt mehr Sauerstoff auf als deines" wäre falsch, und deshalb steht er nicht im Buch.

Ein Detail, das die Leistung noch größer macht: Die Gänse steigen nicht einmal hoch und bleiben oben. Sie folgen dem Gelände wie einer Achterbahn, immer wieder hinauf und hinunter. Das kostet in der Summe weniger Kraft, als dauerhaft in dünner Luft zu fliegen.

Quelle: Hawkes, L. A. et al. (2011): The trans-Himalayan flights of bar-headed geese. PNAS 108, S. 9516–9519.

Seite 55 · Fakt 3

Der stärkste Käfer der Welt

Es geht um den Hornmistkäfer, fünf bis elf Millimeter lang. Gemessen wurde eine Zugkraft vom 1141-Fachen seines Körpergewichts. Damit ist er das stärkste Insekt der Welt.

Gemessen wurde das dort, wo der Kindertext hinführt: in den Gängen unter dem Kuhfladen. Die Käfer graben dort Tunnel und ziehen Mist hinunter, in dem die Larven heranwachsen. Die Männchen kämpfen in diesen Gängen um die Weibchen, indem sie sich gegenseitig hinauszuschieben versuchen. Genau diese Kraft ließ sich beziffern.

Ergänzung: Es heißt stärkstes Insekt, nicht stärkstes Tier. Eine mikroskopisch kleine Hornmilbe schafft anteilig noch etwas mehr, taugt aber nicht als Vergleich. Dein Kindertext sagt genau das Richtige: „kein Insekt ist so stark wie er".

Die Rechnung zum Vergleich im Buch: Ein Kind von 22 Kilogramm käme auf etwa 25 Tonnen, also einen beladenen Lastwagen. Bei einem Erwachsenen wären es rund 80 Tonnen. Im Text steht „mehr als 1000 Mal", weil das 1141-Fache beim Vorlesen ein Zungenbrecher ist und die gerundete Zahl als Untergrenze stimmt.

Quelle: Knell, R. J. & Simmons, L. W. (2010): A cost-bearing sexually selected weapon in the dung beetle Onthophagus taurus. Proceedings of the Royal Society B 277, S. 2347–2353.

QR-Code SRF

Seite 56 · Fakt 4

Der schnellste Vogel der Welt

Der Wanderfalke ist eine der am weitesten verbreiteten Vogelarten überhaupt. Er brütet auch in der Schweiz, auf Kirchtürmen, Hochhäusern und Felsen, und jagt dort Tauben. Im Sturzflug erreicht er über 300 Stundenkilometer, die höchste Messung liegt bei rund 389. Damit ist er das schnellste Tier der Erde.

Im normalen Flug ist er dagegen unauffällig: 65 bis 100 Stundenkilometer. Der Rekord gilt nur für den Stoß nach unten. Die Beute schlägt er meist mit der geballten Faust und greift sie erst danach. Im Kindertext heißt es deshalb offen „packt er die Taube".

Bewusst weggelassen: der Nasenhöcker. Das kleine Knochenzäpfchen im Nasenloch gilt in vielen Texten als Luftbremse, damit der Falke im Sturzflug atmen kann und ihm die Lunge nicht platzt.

Beides trägt nicht. Schnell strömende Luft hat niedrigen Druck, nicht hohen. Das Einatmen wird dadurch schwerer, nicht gefährlicher. Und den Höcker haben alle Falkenartigen, auch ausgesprochen langsame Arten. Fachleute schreiben offen, dass seine Funktion nicht gesichert ist. Ebenso anekdotisch ist die beliebte Geschichte, er habe die Einlasskegel von Düsentriebwerken inspiriert.

Quelle: Ornithologische Standardliteratur zu Falco peregrinus; Angaben der Schweizerischen Vogelwarte Sempach.

QR-Code Schweizer Alpen-Club SAC

Seite 57 · Fakt 5

Achtung, Stromschlag!

Der Zitteraal lebt im Amazonasgebiet und wird bis zweieinhalb Meter lang. Er erzeugt rund 600 Volt. Eine erst 2019 beschriebene Art bringt es sogar auf 860 Volt, der höchste bekannte Wert im ganzen Tierreich. Zum Vergleich: Aus der Steckdose zu Hause kommen 230 Volt.

Der Strom entsteht in Tausenden gestapelten Zellen, die sich wie Batteriezellen in Reihe schalten. Schwache Impulse dienen der Orientierung, starke der Jagd und der Verteidigung. Nebenbei: Er atmet Luft und muss regelmäßig auftauchen.

Der Sprung aus dem Wasser hat eine besondere Geschichte. Alexander von Humboldt beschrieb um 1800, wie Zitteraale in Venezuela Pferde angriffen, die man in einen Tümpel getrieben hatte. Zweihundert Jahre lang galt das als Seemannsgarn. 2016 hat ein Forscher im Labor gezeigt, dass die Tiere tatsächlich aus dem Wasser springen und sich an den Angreifer pressen, weil der Schlag auf diese Weise stärker wirkt.

Ergänzung zum Namen: Der Zitteraal ist kein Aal. Er gehört zu den Neuwelt-Messerfischen und ist mit Welsen näher verwandt als mit echten Aalen. Im Kindertext steht das nicht, weil der Namensfakt hier den Rekord nicht trägt.

Quellen: Catania, K. C. (2016): Leaping eels electrify threats. PNAS 113. · de Santana, C. D. et al. (2019): Unexpected species diversity in electric eels. Nature Communications 10.

QR-Code „Electric eel Electrophorus electricus“ · opencage · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

Seite 58 · Fakt 6

Weiter als bis zum Mond!

Die Küstenseeschwalbe wiegt rund hundert Gramm. Sie brütet in der Arktis und überwintert in der Antarktis. Das ist die längste Wanderung im Tierreich: im Mittel rund 70.900 Kilometer pro Jahr, der Einzelrekord liegt bei 96.000.

Ergänzung: „Dreimal zum Mond und zurück" meint die Lebensleistung, nicht die Jahresstrecke. Rund 2,4 Millionen Kilometer in etwa dreißig Jahren, und die Strecke Erde zum Mond und zurück misst etwa 770.000 Kilometer. Im Kindertext steht deshalb unmittelbar davor der Satz „In ihrem Leben fliegt sie sehr weit".

Der schönste Nebeneffekt steht schon im Buch, ohne dass er erklärt wird: Weil sie vom Nordsommer in den Südsommer zieht, erlebt sie praktisch nie einen Winter. Damit sieht sie mehr Tageslicht als jedes andere Tier der Erde.

Quelle: Egevang, C. et al. (2010): Tracking of Arctic terns reveals longest animal migration. PNAS 107, S. 2078–2081.

Seite 59 · Fakt 7

Ein Knochen, größer als du!

Argentinosaurus lebte vor rund 95 Millionen Jahren in der Provinz Neuquén in Argentinien. Er maß dreißig bis fünfunddreißig Meter. Die Gewichtsschätzungen reichen von 65 bis 100 Tonnen, der wahrscheinlichste Wert liegt bei etwa 73.

Warum die Spanne so groß ist, sagt dein Kindertext selbst: Man hat nur wenige Knochen. Überliefert sind rund zehn Prozent des Skeletts, darunter sechs Rückenwirbel, Teile des Kreuzbeins, eine Rippe und ein Schienbein. Ein einzelner Rückenwirbel misst etwa 1,60 Meter. Ein Erstklässler ist ungefähr 1,20 Meter groß.

Ergänzung: Im Kindertext steht „einer der schwersten Dinos überhaupt" und nicht „der größte Dino". Das ist Absicht. Die Schätzungen streuen stark, und andere Titanosaurier liegen im selben Bereich.

Damit passt es auch zu Fakt 1 dieses Kapitels: Der Blauwal ist das schwerste Tier aller Zeiten, der Argentinosaurus das schwerste an Land. Bei der Länge sind beide etwa gleichauf. Ein aufmerksames Kind rechnet das über die Elefanten selbst nach: fünfzehn beim Dino, fünfundzwanzig beim Wal.

Weit verbreitet und trotzdem falsch: das zweite Gehirn im Becken, das in vielen Dinobüchern steht. Die Erweiterung im Kreuzbein war vermutlich ein Glykogenkörper, wie ihn heutige Vögel haben. Ein Gehirn war es nicht.

Bewusst weggelassen: alles über das Gehirn dieses Tieres. Von Argentinosaurus wurde nie ein Schädel gefunden. Belegt ist nur, dass Sauropoden allgemein sehr kleine Gehirne hatten.

Quelle: Bonaparte, J. F. & Coria, R. A. (1993): Un nuevo y gigantesco saurópodo titanosaurio de la Formación Río Limay (Albiano-Cenomaniano) de la Provincia del Neuquén, Argentina. Ameghiniana 30, S. 271–282. Spätere Massenschätzungen in der paläontologischen Fachliteratur.

QR-Code „Argentinosaurus dorsal LA County Museum 3“ · Etemenanki3 · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Seite 60 · Fakt 8

Der kleinste Weltmeister

Der Honigdachs misst an der Schulter nur 23 bis 30 Zentimeter. Bei Guinness World Records gilt er als furchtlosestes Tier der Welt, und er stellt sich tatsächlich Löwen, Hyänen und Büffeln.

Zwei Dinge machen das möglich. Seine Haut ist dick und sitzt so locker, dass er sich im Griff eines Angreifers darin umdrehen und zurückbeißen kann. Und sie hält viel aus: Bienenstiche, Stachelschweinstacheln, Bisse. Dazu kommt eine weitgehende Unempfindlichkeit gegen Schlangengift, er übersteht Bisse von Kobras und Puffottern.

Ein Wort, das wichtig ist: Im Kindertext steht „meistens geht der Löwe dann weiter". Dieses „meistens" ist bewusst gesetzt. Honigdachse gewinnen nicht immer, sie werden durchaus von Löwen getötet. Ohne das Wort stünde dort eine Heldensage statt eines Tierfakts.

Dass dieser Fakt am Schluss des Kapitels steht, hat einen Grund. Die sieben davor lassen sich messen, in Metern, Stundenkilometern, Volt. Mut hat keine Einheit. Nach lauter unerreichbaren Zahlen kommt eine Eigenschaft, die ein Kind selbst haben kann, und ausgerechnet das kleinste Tier des Kapitels hat sie.

Quelle: Guinness World Records; Angaben der IUCN zu Mellivora capensis.

🤔HM? · Fakten zum Nachdenken

Acht Fragen, auf die es teilweise noch keine Antwort gibt.

Seite 62 · Fakt 1

Was fühlt ein Elefant?

Elefanten leben in Familienverbänden unter einer Leitkuh und kennen einander über Jahrzehnte. Stirbt ein Tier, bleiben die anderen bei ihm. Sie berühren den Körper mit dem Rüssel und mit den Füßen, stehen lange still daneben, decken ihn manchmal mit Zweigen ab und kehren später zu den Knochen zurück.

Ob sie dabei trauern, wissen wir nicht. Wir sehen ihr Verhalten. Was dabei in ihnen vorgeht, bleibt uns verschlossen. Der Kindertext endet deshalb offen: „Das weiß niemand genau. Aber es sieht ganz danach aus."

Weit verbreitet und trotzdem falsch: Elefanten erkennen nicht, wem bestimmte Knochen einmal gehörten. Die Untersuchung von McComb, Baker und Moss zeigt, dass sie sich für Schädel und Elfenbein der eigenen Art viel stärker interessieren als für Knochen anderer Tiere. Den Schädel ihrer eigenen verstorbenen Leitkuh bevorzugen sie aber gerade nicht.

Diese Zeile stand in einer frühen Fassung des Buches. Sie ist wieder herausgeflogen.

Zum Weiterreden: „Woran merkst du eigentlich, dass jemand traurig ist, wenn er es gar nicht sagt?"

Quelle: McComb, K., Baker, L. & Moss, C. (2006): African elephants show high levels of interest in the skulls and ivory of their own species. Biology Letters 2, S. 26–28.

Seite 63 · Fakt 2

Die unsichtbare Welt

Alle drei Beispiele sind belegt, und jedes funktioniert anders.

Die Biene sieht ultraviolettes Licht. Viele Blüten tragen darin Muster, die wie Wegweiser zum Nektar zeigen und für uns unsichtbar sind. Der Hai nimmt elektrische Felder wahr, über kleine Sinnesorgane in der Schnauze. Jede Muskel- und Nervenbewegung erzeugt schwache Ströme, und das Herz ist die stärkste Quelle davon. So findet er Fische, die im Sand vergraben liegen. Bei der Schlange sind es Grubenorgane zwischen Auge und Nasenloch, die Wärmestrahlung auffangen.

Ergänzung: „Manche Tiere sehen viel mehr" ist eine Vereinfachung, und zwar eine bewusste. Bienen sehen Ultraviolett, dafür sehen sie kein Rot. Es ist ein Tausch, kein Zugewinn. Deshalb steht in der Aufzählung am Anfang „weiße Blumen" und nicht „rote Blumen": Sonst hätte direkt neben dem Satz „sehen viel mehr" ein Beispiel gestanden, bei dem die Biene weniger sieht.

Und Wärme sehen können nur Schlangen mit Grubenorganen, also Grubenottern, Pythons und Boas. Die heimische Ringelnatter kann es nicht. Im Text steht deshalb „Manche Schlangen".

Bewusst weggelassen: der Satz „Der Hai findet dich also auch im Dunkeln." Er stimmt, ein Hai nimmt auch das Feld eines Menschen wahr. Aber es ist die Sorte Satz, die ein Kind abends im Bett beschäftigt.

Zum Aufbau: Das ist der einzige Fakt im Buch mit drei Tieren. Damit keines wichtiger wirkt als die anderen, bekommt jedes genau drei Zeilen, und vorne wie hinten steht eine Frage, die alle drei zusammenhält.

Quelle: Sinnesphysiologische Standardliteratur zu UV-Sehen bei Bienen, Lorenzini-Ampullen bei Haien und Grubenorganen bei Schlangen.

QR-Code „Flor de rudbeckia patrones uv comparación“ · Brandon Antonio Segura Torres & Priscilla Vieto Bonilla · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Seite 64 · Fakt 3

Acht kluge Arme

Ein Krake hat rund 500 Millionen Nervenzellen, und etwa zwei Drittel davon sitzen in den Armen. Er hat ein zentrales Gehirn im Kopf, dazu einen Nervenring um die Speiseröhre und eigene Nervenknoten in jedem einzelnen Arm. Das Gehirn gibt eine allgemeine Anweisung, die Ausführung übernimmt der Arm.

Belegt sind auch die beiden Beispiele aus dem Kindertext: Kraken schrauben Gläser auf und erkennen einzelne Menschen wieder, sogar solche, die gleich gekleidet sind.

Ergänzung: Im Kindertext steht „Seine Klugheit sitzt nicht nur im Kopf". Das ist eine sorgfältig gewählte Formulierung. Die übliche Variante „das Gehirn ist über den Körper verteilt" wäre falsch, genau wie bei der Schabe in Kapitel 5. Das Gehirn sitzt im Kopf, verteilt sind die Nervenzellen. Klugheit ist kein Organ, und deshalb ist der Satz anatomisch unangreifbar und für ein Kind trotzdem verständlicher als eine Erklärung über Nervenzellen.

Aus demselben Grund kommt das Wort „denken" im ganzen Fakt nicht vor. Ein Arm fühlt und handelt, er denkt nicht.

Bewusst weggelassen: dass der Krake mit seinen Armen schmeckt. In Kapitel 3 schmeckt der Schmetterling mit den Füßen, und dort steht schon, dass Fliegen es auch können. Ein drittes Tier mit Geschmackssinn am Körperteil wäre ein Muster geworden statt eines Staunens.

Quelle: Gutnick, T. et al. (2020): Recording electrical activity from the brain of behaving octopus. Current Biology 30; Arbeiten des Okinawa Institute of Science and Technology.

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Seite 65 · Fakt 4

Ein Ring aus Delfinen

Der Vorfall ist echt und gut dokumentiert. November 2004, Ocean Beach bei Whangarei in Neuseeland. Vier Rettungsschwimmer waren im Wasser, als eine Gruppe Großer Tümmler anfing, eng um sie zu kreisen, rund vierzig Minuten lang. Einer der Schwimmer sah einen Weißen Hai in der Nähe. Ähnliche Fälle sind mehrfach beschrieben worden, auch solche, in denen Delfine anderen Tierarten beistanden.

Was dabei im Kopf der Delfine vorging, weiß niemand. Forscher vermuten einen Schutzinstinkt: Delfine schirmen ihre eigenen Kälber gegen Haie ab, und dieses Verhalten greift möglicherweise auch dann, wenn etwas anderes im Wasser ist. Ein bewusstes Retten ist es nach heutigem Stand nicht. Das Wort „Vielleicht" im Kindertext trägt diese ganze Vorsicht.

Eine Besonderheit im ganzen Buch: Dies ist das einzige Rätsel, dessen richtige Antwort „Das weiß niemand genau" lautet. In allen Kapiteln davor war genau diese Antwort immer die falsche. Der Moment ist wichtig für die beiden Fakten danach: Beim Präriehund sind sich Fachleute uneinig, beim Aal weiß es niemand. Ohne diese Umkehrung würden die beiden wie unfertige Fakten wirken.

Quelle: Zeitgenössische Berichterstattung zum Vorfall vom November 2004 (u. a. Live Science, Al Jazeera).

Seite 66 · Fakt 5

Der Vogel ohne Angst

Der Dodo lebte auf Mauritius, war flugunfähig, etwa siebzig Zentimeter hoch und wog zehn bis achtzehn Kilogramm. Auf der Insel gab es keine natürlichen Feinde, und deshalb hatte er keine Fluchtreaktion entwickelt. Niederländische Seefahrer kamen 1598, die letzten belegten Sichtungen liegen um 1662 bis 1681. Rund achtzig Jahre.

Genauer als üblich erzählt: In vielen Kinderbüchern heißt es, die Seefahrer hätten den Dodo aufgegessen. Gejagt wurde er zwar, aber das größere Problem waren die eingeschleppten Tiere: Ratten, Schweine, Affen und Hunde, die die Eier fraßen. Der Dodo legte ein einziges Ei, offen auf den Boden. Diese Version ist genauer und kommt ohne erhobenen Zeigefinger aus.

Weit verbreitet und trotzdem falsch: dass der Dodo dumm gewesen sei. Er war furchtlos, weil er nie einen Feind gekannt hatte. Aus seinem Namen wurde im Englischen trotzdem ein Schimpfwort. Der Kindertext sagt dreimal, warum er keine Angst hatte, und kein einziges Mal, dass er einfältig war.

Die letzte Zeile im Buch stimmt genau: Der Dodo gehörte zur Familie der Tauben. Grob gesagt war er eine riesige, flugunfähige Taube. Sein nächster lebender Verwandter ist die Nicobar-Taube.

Quelle: Angaben des Natural History Museum, London, und des Oxford University Museum of Natural History zu Raphus cucullatus.

Seite 67 · Fakt 6

Zurück aus der Urzeit

Der Quastenflosser galt rund 66 Millionen Jahre als ausgestorben und war nur aus Fossilien bekannt. Im Dezember 1938 stand Marjorie Courtenay-Latimer am Hafen von East London in Südafrika, eine junge Museumsleiterin, und sah im Fang eines Trawlers eine blaue Flosse.

Sie erkannte den Fisch nicht. Sie wusste nur, dass sie so etwas noch nie gesehen hatte und dass es wichtig war. Sie rettete ihn, zeichnete ihn, und erst der Professor J. L. B. Smith konnte ihn bestimmen. Die Gattung heißt seither Latimeria, nach ihr. 1997 kam eine zweite Art in Indonesien dazu.

Das Entscheidende sind die Flossen, und dein Kindertext trifft es mit „dicken, fleischigen Flossen" genau. In diesen Flossen stecken Knochen, angeordnet wie in kurzen Beinen. Tiere mit solchen Flossen stehen am Anfang der Linie, aus der später alle Landtiere wurden, wir eingeschlossen.

Er lebt in 150 bis 700 Metern Tiefe, tagsüber in Höhlen, wird bis zwei Meter lang und offenbar bis zu hundert Jahre alt.

Zum Aufbau: Der Name Quastenflosser fällt im Kindertext bewusst schon oben. Sonst würde der Satz „Es war der Quastenflosser!" am Ende ein Wort enthüllen, das nie gefallen ist. So weiß das Kind mehr als die Frau am Hafen und ist der Geschichte einen Schritt voraus.

Quelle: Angaben des South African Institute for Aquatic Biodiversity zur Entdeckungsgeschichte von Latimeria chalumnae.

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Seite 68 · Fakt 7

Haben Tiere eine Sprache?

Präriehunde sind Erdhörnchen und keine Hunde. Den Namen verdanken sie ihrem bellenden Warnruf. Sie leben in großen Kolonien mit weitläufigen Gangsystemen, und diese Gänge haben getrennte Kammern: Schlafkammern, Kinderstuben und tatsächlich eigene Latrinen. Die Klo-Zeile im Kindertext ist also wörtlich zu nehmen.

Unstrittig ist, dass sie für unterschiedliche Feinde unterschiedliche Rufe haben. Greifvogel, Kojote, Mensch und Hund klingen jeweils anders.

Hier gehen die Fachleute auseinander: Ein Forscher deutet die Rufe als beschreibende Sprache. Sie sollen Art, Größe, Form und sogar die Farbe der Kleidung eines Menschen enthalten. Andere halten das für überinterpretiert und vermuten, dass die Rufe eher den Grad der Erregung abbilden als eine Beschreibung. Belegt ist nicht, dass die Tiere eine Farbinformation tatsächlich nutzen. Dein Kindertext bildet genau diesen Streit ab: „Manche Forscher glauben noch mehr … Andere Forscher zweifeln daran." Es ist der einzige Fakt im ganzen Buch, in dem steht, dass Fachleute uneinig sind.

Ein Zusatz zum Vorlesen: Das auffälligste Verhalten heißt „jump-yip". Ein Tier wirft den Kopf zurück und jauchzt, und die Nachbarn übernehmen es, sodass eine Welle durch die ganze Kolonie läuft.

Quelle: Arbeiten von C. N. Slobodchikoff zu Präriehund-Rufen sowie die kritische Einordnung durch die vergleichende Verhaltensforschung, u. a. Julia Fischer, Göttingen.

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Seite 69 · Fakt 8

Ein Geheimnis im Meer

Der Europäische Aal laicht in der Sargassosee im westlichen Atlantik. Von dort treiben und schwimmen die Larven ein bis drei Jahre bis nach Europa. Sie sehen aus wie durchsichtige Weidenblätter und heißen auch so. In Europa werden sie zu Glasaalen, leben Jahre bis Jahrzehnte in Flüssen und Seen und machen sich dann auf den Rückweg, fünf- bis sechstausend Kilometer weit.

Und dort endet unser Wissen.

Niemand hat je einen laichenden Aal gesehen. Niemand hat je ein Ei gefunden. 2022 wurden erwachsene Aale zum ersten Mal per Satellitensender bis in die Sargassosee verfolgt, aber gesehen hat das Laichen bis heute niemand.

Ergänzung: Selbst der Satz „dort schlüpfen die Larven" beruht nicht auf einer Beobachtung. Man weiß es, weil man dort die allerkleinsten Larven findet. Auch das ist erschlossen und nicht gesehen.

Das Rätsel ist uralt. Aristoteles glaubte, Aale entstünden aus Schlamm. Und ein junger Medizinstudent namens Sigmund Freud sezierte in Triest hunderte Aale auf der Suche nach ihren Hoden und fand keine. Er gab die Zoologie danach auf.

Quelle: Wright, R. M. et al. (2022): First direct evidence of adult European eels migrating to their breeding place in the Sargasso Sea. Scientific Reports 12.

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